1965 im Elbsandsteingebirge am Wolfsturm Alter Weg    
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Anmerkungen zur Geschichte und Vorgeschichte der Sektion Nordhausen

von Werner Müller 2011



In Bautzen fand ich eine gut organisierte Klettergruppe in der BSG Lok. Mit dem bisherigen, meist nur sporadischen Klettern, hatte es bald ein Ende. Regelmäßiges Training in der Turnhalle und mit dem Expander, Klettern am Mauerwerk der gesprengten Autobahnbrücke und an den Wänden des Protschenberges ließen bald eine Leistungssteigerung erkennen.

Ein Schlüsselerlebnis hatte ich am 07.10.1962. Gerade dabei, meinen nächtlichen Schlafplatz in der Nähe des Bloßstocks zu räumen, sprachen mich zwei mir bis dahin unbekannte Kletterer an, ob ich nicht Lust hätte, mit auf den Bloßstock zu kommen. P.Popp und H.-J.Großer brauchten noch einen Sicherungsmann an der Baustelle des Edelweißweges. Friedmar hatte am 27.8.1962 den Gipfelstürmerweg vorgestiegen, eine ganz imposante und ausgesetzte VI. Und nun gleich eine VIIb!
Die anfänglichen Zweifel waren bald zerstreut. Es wurde ein unvergessliches Erlebnis, das ich in den nächsten Jahren noch dreimal wiederholen durfte. Meine beiden neuen Bergfreunde führten mich an diesem Tage noch über den Neuen SO-Riss auf die Flachsköpfe.

1963 war ich sehr oft mit meinen Bautzener Bergfreunden Gerald Männel, Karl Mlasowski, Peter Tannert und Reiner Hauschild in der Sächsischen Schweiz , im Zittauer Gebirge, in der Böhmischen Schweiz und im Böhmischen Paradies unterwegs. Aber auch mit den Nordhäusern in der Sächsischen Schweiz, im Blankenburger Regensteingebiet und am Falkenstein im Thüringer Wald. Gerald konnte ziemlich gut einschätzen, welche Wege ich im Vorstieg bewältigen kann. Viele VI-er Wege wurden in diesem Jahr geklettert und die ersten VIIa (u.a. Östl. Schrammturm-AW, Rauschenstein-Ostkante, Hintere Gans-Arymundweg, Oybintalwächter-Teufelsriss, Meilensäule-Aufstieg, Vorderer Torstein-Erkerweg original (Friedmar im Vorstieg). Die ersten VIIb werden im Vorstieg überwunden (Rauschentorwächter- AW original, Bloßstock-Edelweißweg und Teufelsturm-AW).

Im Blankenburger Regensteingebiet klettern wir nun im Bereich bis zur VI, aber auch die ersten VIIa. Das viele Klettern vermittelte mir immer mehr Sicherheit, und von meinen erfahreneren Bautzener Bergfreunden lernte ich vieles über das Legen von Zwischensicherungen hinzu, auch wenn manche nur eine moralische Wirkung hatten.

Im Winter von 1963 zu 1964 bot sich mir die Gelegenheit, mit nach Jonsdorf ins Zittauer Gebirge zu fahren, zum Dienst in der dortigen Hütte des Bergrettungsdienstes (BRD). Im Sommer 1964 und 1965 waren wir Bautzener auch zum Dienst in der Rathener Hütte des BRD eingeteilt. Dienst war bis 17 Uhr, danach konnte geklettert werden. Bergrettungsdienst-Übungen wurden u.a. am Bautzener Protschenberg veranstaltet.

Das Kletterjahr 1964 begann am 01.02.! Im Zittauer Gebirge waten wir zu viert durch Schneematsch zum Schalkstein und Fensterturm. Auf II-er Wegen erreichen wir die Gipfel, auf denen noch Eis liegt.

Im Mai fahre ich zum ersten Mal mit ins Böhmische Paradies. Der Zeltplatz in Sedmi Horky ist stark belegt. Gerald redet mich gleich an die Jeschkewand des Kapellmeisters heran. Eine außergewöhnliche VII, lang und immer ausgesetzt. Wir sind fast "Klettermaschinen", jeden Tag wenigstens 3 Wege, meistens VI bis VII. Die schwierigeren Wege sind allgemein besser gesichert als in der Sächsischen Schweiz (mehr Ringe).

Eine Woche später fahre ich mit meinen Nordhäuser Bergfreunden zum Falkenstein in den Thüringer Wald. Schöne Klettereien in festem Fels. Aber viele Haken musste man mit "Sie" anreden! Bis Ende Juli gelingen im Vorstieg viele VIIa, u.a. Steinschleuder-Oehmeverschneidung, Westl.Höllenhundvorturm-Talweg, Vorderer Torstein-Erkerweg, Brückenturm Westkante, Mittelwandspitze-Talweg, Vexierturm-Weinertwand, Freier Turm-Schartenweg sowie die VIIb-Wege Amboß-Lange Kante und am Falkenstein die Strubichrinne.

Bei der vielen und häufig auch schwierigen Kletterei zeigt sich immer mehr eine körperliche Schwachstelle, die Fingerspitzen.
Die Haut wird dünn und dünner, fast bis auf das rohe Fleisch. Dann muss Pause sein.

Im Regensteingebiet werden nun auch Wege in der Schwierigkeit VIIb geklettert: Dicker Turm-Var. zur Westwand und die NW-Kante sowie an der Guglia der Hohe Riss. Im August 1964 erste Hochgebirgsfahrt in die Hohe Tatra. Zum ersten Mal erlebe ich eine über meine Kräfte gehende Schlepperei. Auf dem Weg vom Hrebinok zur Terryhütte erleichtere ich meinen unförmigen BRD-Rucksack vor dem Steilaufschwung um wenigstens 10 kg Lebensmittel, selbstgeschmiedete Haken und stählerne Karabiner. Trotz Verbots zelten wir am hinteren der kleinen Seen. Den Benzinkocher, den die Nationalparkhüter mitgenommen hatten, haben wir sicherheitshalber nicht eingelöst.

Zum ersten Mal auf Schneefeldern in der Sonne. Gerald hatte schöne Kletterwege ausgesucht. Die Krönung war der Brucalpfeiler auf die Große Eistaler Spitze. Auf der Rückfahrt besuchen wir das Sandstein-Klettergebiet Adersbach. Fast alle Gipfel sind nur über kombinierte Riss-/Wandkletterei zu erreichen. Der Fels ist meistens sehr grobkieselig. Ein Paradies für die Rissspezialisten. Uns gelingen Aufstiege u.a. auf das Liebespaar, den Bürgermeister und die Bürgermeisterin (VII).

Gerald und ich fahren von Adersbach noch in die Böhmische Schweiz und klettern u.a. auf die beiden Prebischkegel und die Alte Wenzelwand. Am Kastenturm können wir die zweite Begehung der Bergkante, mit ausgiebiger Unterstützung am Einstieg, mitmachen.
Im Spätsommer gelingen mir noch die Goldstein-Südwand VIIb, am Spannagelturm die NO-Kante VIIb, am Vorderen Torstein die Sieberkante VIIc, die SW-Kante VIIb am SÜdl. Ostervorturm, die Westwand VIIb an der Verlassenen Wand und der damalige Aufstieg VIIc auf den Friensteinwächter.

Das Jahr 1965 beginnt mit Dienst in der BRD-Hütte in Jonsdorf. Erster Klettertag mit Gerald am 20./21.3., gebooft an der Feldwand. Aufstieg bei unangenehmer Kälte auf die Feldwand, den Admiral und den Mönch.

Meine Zeit in Bautzen neigt sich dem Ende zu. Ab 01.09. wird der "Ernst des Lebens" beginnen. Trotz der anstehenden Prüfungen bin ich bis Ende Mai jedes Wochenende in der Sächsischen Schweiz. Wir klettern meistens in Wegen der Schwierigkeiten bis zur VI. Es werden "Gipfel gesammelt". Nach den Prüfungen gehen wir noch einige Ziele an, die sich im Laufe der Jahre angesammelt hatten. Wir klettern u.a. auf den Wolfsturm-Aufstieg VIIb, die Raaber Säule-AW VIIb,den Vorderen Torstein-Bruchholzkante VIIb, den Dreifingerturm-Südriss VIIb, den Kreuzturm-Nordwand VIIb, den Falkenstein-Häntzschelweg VIIb und als Krönung von allem am Rauschenstein die Gondakante VIIIa.

Im August Fahrt in die Hohe Tatra, wieder zur Terryhütte. Sehr durchwachsenes Wetter, deshalb klettern wir fast nur in der II. Aber an der Kleinen Eistaler Spitze gelingt uns mit dem "Weg zur Sonne" doch eine V.


Auf der Rückfahrt machen wir Halt im Böhmischen Paradies. Ein Problem galt es noch zu lösen, der Aufstieg auf die Kobyla, den Pferdekopfturm, über den Deutschen Weg. Im Vorjahr hatten wir J.Rotsche aus Radebeul mit seinen Kameraden dort Klettern gesehen und waren beeindruckt. Nun wollte ich meine wahrscheinlich letzte Chance an diesem Gipfel wahrnehmen. Bis zum ersten Ring ist es relativ leichte Kletterei. Ich hole zwei Freunde zum ersten Ring, Karli bedient das Abzugsseil am Boden. Der Quergang vom ersten zum zweiten Ring ist extrem schwer. Zwei Mal fliege ich. Zum Glück befindet sich der erste Ring oberhalb des Querganges, so dass ich halb von oben gesichert bin und das Abzugsseil von unten beim Flug Schlimmes verhindert. Beim dritten Versuch komme ich zum zweiten Ring. Die weitere Kletterei ist nicht mehr ganz so schwer. Leider standen wir nur zu zweit auf dem Gipfel. Ich glaube, die Kobyla war für mich die Krönung im Vorstieg neben der Gondakante am Rauschenstein.

Nach einem Erholungstag kam Harry auch noch auf seine Kosten: Klettern im VI./VII. Grad, u.a. Taktstock-AW VII und Obelisk-Talwand VII. Es kam in der Folgezeit so, wie es kommen musste, die Fahrten in die Sächs. Schweiz wurden weniger, das Regensteingebiet, die Teufelsmauer und das Bodetal gewannen an Bedeutung. Das Kletterverbot an der Teufelsmauer bei Neinstedt wurde häufig am 1.Mai und 7.Oktober ignoriert. An diesen Tagen war dort wenig Betrieb!

Im Laufe der Jahre lernte ich immer wieder Bergfreunde aus anderen Sportgemeinschaften kennen, insbesondere aus dem Dresdener Raum und aus Leipzig. Mit ihnen führte ich in der Folgezeit Sommerfahrten in die Hohe Tatra aus und Anfang März 1970 auch eine zweiwöchige Winterfahrt zur Vorbereitung auf den Kaukasus. Mein Freund Ralf von der HSG UNI Leipzig machte es für mich möglich, zweimal mit in den Kaukasus zu fahren.
1971 eine Privatfahrt zu sechst: Mit der Bahn nach Dubna über Moskau, am übernächsten Tag nach Moskau zurück und Flug nach Mineralwasser am Nordfuß des Kaukasus. Am nächsten Morgen mit einem Linienbus ins Baksantal bis zur Mündung des Adyr Su und von dort mit erleichtertem Gepäck Marsch ins Grüne Biwak auf 3000 m Höhe. Besteigung des Gumatschi, Tscheget Tau Tschana und Basch Kara. Anschließend steigen wir auf den Elbrus, den mit 5642 m höchsten Berg Europas.

1973 dann eine Verbandsfahrt, an der zumindest auch ein "Blütenweißer" teilnahm. Flug über Moskau nach Mineralwasser und mit dem Bus zum Hotel nach Itkol, am Fuß des Elbrus. Anfangs Schneefall, deshalb drei Tage nur Hangaufstieg zur Akklimatisation. Danach wurden drei Touren freigegeben: Irik-Tschat-Massiv, Pik Mongolia und der Elbrus. Niemand kam ohne Akklimatisation auf den Elbrus, auch nicht die "Jungen Wilden" aus der Nachwuchsmannschaft Alpinistik. Wir vier entschieden uns für die Überschreitung des Irik-Tschat-Massivs und stiegen an diesem Tage noch bis zum Grat in 3000 m Höhe. Klaus und Gottfried haben ein Mini-Bergzelt mitgenommen, Ralf und ich müssen uns für die Nacht mit einem Biwaksack bescheiden, für den wir im Firn eine Mulde ausheben.

Am nächsten Tag überschreiten wir an teilweise sehr ausgesetzten Graten die drei über 4000 m hohen Gipfel. Nach dem Abstieg ins Baksantal trampen wir nach Itkol zurück und müssen dort einen Ruhetag einlegen. Danach wechseln wir über das Grüne Biwak hinweg an den Fuß der Tscheget Kara Baschi. Auf einer kleinen geröllfreien Fläche werden die Zelte aufgebaut und am nächsten Tag erreichen wir über schwierige und teilweise ausgesetzte Kletterei den Gipfel. Südlich von uns die Uschba und gegenüber, schon in der späten Nachmittagssonne, der Elbrus. Wir waren, gemessen am Abstiegsweg, im Aufstieg zu langsam. Auf einem Felsband müssen wir, immer zu zweit in einem Biwaksack, im Sitzen eine Nacht verbringen. Durch Geländerseile sind wir gegen Absturz gesichert.

In den folgenden Jahren verlagerte sich unsere Klettertätigkeit vorrangig ins Regensteingebiet, begünstigt durch die erworbene Hütte. Doch der "Hammer" kam zu Beginn des Jahres 1975 mit der Kündigung des Pachtvertrages, wie von Friedmar noch an anderer Stelle dargelegt. Zur Sommer-Sonnenwendfeier 1975 kamen so viele Bergfreunde aus allen Teilen der DDR ins Regensteingebiet wie nie zuvor. Leider konnte nicht verhindert werden, dass unsere Kletterheimat sogar vollständig abgeriegelt wurde.
Wie sich die Ereignisse gleichen: Auch in der "Neuzeit" ist der Staat genauso unnachgiebig, wenn er ein Stück Großzügigkeit zeigen müsste, auch und gerade unter den Gesichtspunkten von Umwelt- und Naturschutz sowie naturverträglicher sportlicher Nutzung.

Die Wende kam spät, aber für die meisten nicht zu spät. Mit Freude erinnere ich mich an die ersten Bergfahrten in die Alpen. 1990 ins Montafon und auf die Seiser Alm, den Schlernů1991 dann 2 Wochen in der Dreischusterhütte mit herrlichen Wande-rungen u.a. zu den drei Zinnen, auf den Piz Boe und den Dürrenstein und Harry und ich gingen auf den Haunold als Vorbereitung auf die eine Woche später beginnende Westalpenfahrt. Nicht zu vergessen die Dolomitenkletterfahrt von Friedmar, Hans und mir über die unvergleichliche Delagokante auf den Delagoturm 1992.