Sonnenaufgang auf dem Kilimanjaro 5895 m    
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Kilimanjaro - Besteigung im Januar 2010

von Thomas Ebert im April 2011



Die Idee, den Kilimanjaro zu besteigen, kam mir im November 2006. Als ich abends mit Freunden in gemütlicher Runde saß und die gerade erfolgreiche Besteigung des El Teide (3.718 m) auf Teneriffa noch einmal Revue passieren ließ. Die Rechnung war damals ganz einfach. Für den Aufstieg zum 4.000 m hohen Teide brauchten wir 5 Std., den Kili mit 6.000 m müsste man demnach in ca. 8 Std. schaffen. Vom Urlaub wieder zu Hause fing ich an, mich mit dem Kilimanjaro näher zu befassen. Schon nach den ersten Infos aus dem Netz wurde mir klar, dass hier eine völlig andere Liga auf dem Programm stand.

Aber bereits nach wenigen Wochen, in denen nur noch Kili-Literatur, Kili-Videos und Erlebnisberichte aufgesaugt wurden, stand für mich und meiner Frau der Entschluss fest: Wir wollen es auch versuchen. Ab jetzt begann für uns die intensive Vorberei-tung auf die Tour.
Passenden deutschen Tourveranstalter suchen, welche Impfungen, Ausrüstung, Bekleidung, Kälteschutz, Sonnenschutz, Fotoakkus (6 Tage keinen Strom), Hygiene, Sprachkenntnisse, Gepäckgewicht (12 kg/Träger), Geld, Zeitpunkt, Urlaub mit Arbeitgeber absprechen, welche Route, kommt noch wer mit, was tun wenn einer aufgibt - 1.000 Fragen und erst wenige Antworten. Mit der intensiven physischen Vorbereitung haben wir 6 Wochen vor dem Aufstieg begonnen. 3-4 mal pro Woche durch den Tiefschnee zum Poppenturm, manchmal auch querfeldein. An den Tagen dazwischen, 10 km auf dem Hometrainer.

Am 22.01.2010 war es dann endlich soweit. Hoch motiviert flogen wir über Addis Abeba (Äthiopien) - Mombasa ( Kenia) zum Kilimanjaro-Airport in Tansania. Bereits im Flieger lernten wir unsere zukünftigen Teamgefährten kennen, 2 Ehepaare aus Deutschland, welche die gleiche Reise gebucht hatten. Vom Airport ging es dann im Kleinbus über Moshi (kurze Einweisung) zum Hotel nach Marangu, von wo aus man den Kili in weiter Ferne schon sehen konnte (Bild 01). Wir hatten uns für den Aufstieg von den 5 möglichen, die einfachste und komfortabelste Tour, die Marangu-Route, ausgesucht. Man braucht keine Spezialausrüstung und man schläft in einfachen Berghütten.

So 24. Januar: Am Eingang vom Kilimanjaro-Nationalpark, den Marangu-Gate (1.840 m), wurden wir mit der kompletten Mannschaft bekannt gemacht. 3 Führer, 12 Träger, 1 Koch und 1 Kellner. 17 Männer werden in den nächsten 6 Tagen für uns arbeiten und kochen, sowie uns versorgen, beratschlagen und helfen. Dann begann unser Abenteuer. Wir liefen durch dichten, urigen, subtropischen und mystischen Urwald in ca. 5 Std. zur Mandara-Hut (2.670 m), wo wir in einer sehr kleinen spitzen Berghütte die erste Nacht verbrachten (Bilder 02 und 03).

Mo 25.Januar: Nach dem gemeinsamen Frühstück begannen wir am frühen Morgen mit dem Aufstieg zur Horombo-Hütte. Bereits nach wenigen Metern erreichten wir die Baumgrenze und liefen ab jetzt nur noch durch wunderschöne Heidelandschaft und Moorgebiete. Der Weg wurde ab jetzt langsam anstrengender und die Luft kühler. Dafür hatten wir den Kili-Gipfel bei bestem Sonnenschein fast immer vor uns (Bilder 04 und 05).

Nach ca. 6 Std. erreichten wir die Horombo-Hut auf 3.027 m. Die ca. 15 Horombo-Hütten sind ein "Verkehrsknotenpunkt". Hier übernachten täglich auf- und absteigende Gruppen (Bilder 06 und 07).

Di 26.Januar: Um die Höhenkrankheit zu besiegen, hatten wir einen Akkli-matisierungstag im Plan. Dieser Tag soll die Chancen auf den Gipfelerfolg deutlich erhöhen. Wir stiegen am frühen Morgen bei gutem Wetter auf 4.100 m zu den Zebra-Rocks auf, einer kleinen, imposanten Felsforma-tion, die auf dem Sattel zwischen Mawenzi und Kibo liegt (Bild 08).

Nach Überwinden einer Bergkuppe sahen wir den Kili jetzt zum ersten Mal in seiner ganzen Größe vor uns liegen. Voller Ehrfurcht betrachten wir aus nächster Nähe den
größten freistehenden Berg dieser Erde (Bild 09).

Mi 27.Januar: Unsere Gruppe begann mit dem Aufstieg zur Kibo-Hütte auf 4.700 m. Wir passierten die letzte natürliche Wasserstelle, sahen die letzten kleinen Pflanzen und liefen unter stahlblauem Himmel und eiskalten Winden einen nicht enden wollenden Weg, durch alpine Wüstenlandschaft und hatten dabei den Kibo-Gipfel immer im Blick (Bild 10).
Die Schritte wurden langsam schwerer und bei 4.500 m fingen auch bei einigen die ersten Kopfschmerzen an. Wir mussten immer öfter eine Pause einlegen. Die letzten 800 m gingen an die Substanz. Müdigkeit und Kopfschmerzen fingen an zu dominieren. Erste ernste Zeichen der Höhe machten sich bemerkbar.

Am späten Nachmittag hatten wir mit letzter Kraft unser Etappenziel erreicht(Bild 11). Die Kibo-Steinhütte liegt direkt am Gipfelberg vom Kili und zählt mit ihren kalten Räumen zu den ungastlichsten Unterkünften des Kontinents. Die einzelnen Räume geben "Platz" für 6 einfache Doppelstockliegen, 1 Tisch und 2 einfache Bänke. Zum Abend gab es Nudeln. Hunger hatte aber keiner von uns. Alle waren mit ihren Gedanken nur noch am Berg und beim bevorstehenden Aufstieg in ca. 4 Std.

Do 28.Januar: Die - Nacht der Entscheidung - ist angebrochen. Nachdem wir in der eiskalten engen Kibo-Hut versucht hatten in unseren Schlafsäcken noch etwas Ruhe zu finden (an Schlaf war durch die Anspannung und Höhe nicht zu denken), sollten wir um 23.00 Uhr geweckt werden. Das hatte sich durch das Wecken, der 6 Norweger, die mit in unserem Raum lagen, um 22.00 Uhr bereits erledigt. Um 24.00 Uhr war unser Abmarsch. Zuvor hatten die Guides das Marschband festgelegt. Vorn, mitte und hinten die Guides, dazwischen wir 6. Dann begann der Aufstieg bei ca. -15°C und sternenklarer, stockdunkler Nacht (kein Mond). Durch das sehr langsame Gehen (3-5sec/Schritt) spürten wir bald die Kälte an den Fingern und später auch an den Füßen. "Alles normal" sagt Saidi, unser Hauptguide. Gegen 02.30 Uhr hatten wir an der Hans-Mayer-Höhle die einzige, etwa 10 min. Pause, wo uns heißer Tee gereicht wurde. Ab ca. 5.000 m Höhe verzehrt ein menschlicher Körper sich selbst. Er kann ohne lange Umgewöhnung kaum noch Energie von außen (Nahrung) aufnehmen bzw. umsetzen. Pole-Pole langsam-langsam heißt ständig die Devise beim Weitergehen. Jeder Schritt fällt jetzt unsagbar schwer. Die Füße waren eiskalt und die Finger, trotz der dicken Handschuhe, kurz vor dem Absterben. Beim Aufstieg machte keiner von uns auch nur ein einziges Foto. Jeder kämpfte mit seinem Körper für sich allein. 5-10 Schritte - 15 sec. Pause.

Seit Stunden sahen wir durch unsere Stirnlampen an dem Steilhang nur gefrorenes Geröll und die Füße vom Vordermann. Beim Aufblicken konnte man an den winzigen Lichterketten noch andere Gruppen am Berg erkennen. Auf einmal blieben wieder alle stehen. Nichts ging mehr. Alle waren total fertig. War dies das Ende? Irgendwer fragte vorn in der Dunkelheit: "Wie weit noch?" Und dann kam wohl die beste Antwort, die wir alle je gehört hatten: "Only three minutes!". Um 05.50 Uhr erreichten wir alle völlig erschöpft aber überglücklich den Gillman's-Point auf 5.715 m. Mit Erreichen des Gillman's Point gilt der Kili als bestiegen. 80 % aller Touristen geben hier auf. Bis zum Uhuru-Peak sind es "nur noch" 1,5 km mit 181 Höhenmetern. Hin und zurück sind das in der Höhe 3-4 Std. zusätzlich. Die Körpersignale Kopfschmerzen, Übelkeit sowie den starken Leistungsabfall konnte man bei jedem von uns im Gesicht ablesen. Trotz alledem wollten alle weiter.

06.30 Uhr nach dem herrlichen Sonnenaufgang setzten wir uns schwerfällig wieder in Bewegung (Bild 13). Unser Weg zog sich auf dem Kraterrand über teilweise nur 40 cm breite Eisrinnen zum eigentlichen Gipfel. Ein Ausrutscher an diesen Stellen hätte die schlimmsten Folgen haben können. 07.40 Uhr noch 200 m - das Ziel ist zum Greifen nah. Vor wenigen Minuten lag ich auf den Knien und musste mich übergeben (ein Stückchen Traubenzucker war an der Stelle die falsche Wahl). In der kriti-schen Phase hatte mir unser Guide sehr geholfen und mir Mut zum Weiterlaufen gemacht.



07.50 Uhr alle 6 aus unserer Gruppe hatten mit allerletzter Kraft den Gipfel erreicht (Bild 15). Unbeschreibliche Glücksgefühle und Erleichterung zeigten sich u.a. auch in Tränen. Wir waren an dem Platz angekommen, wo für die Eingeborenen, die Götter leben.
20.000 Touristen pro Jahr versuchen diesen Berg zu bezwingen. Etwas über die Hälfte schafft das Ziel. 10 von denen bezahlen es mit dem Leben.

Durch unsere totale Erschöpfung und dem eisigen Wind bei -15°C (gefühlt -25°C) trennten wir uns nach 10 min schon wieder vom Gipfel und liefen am Kraterrand zurück zum Gillman's-Point, um mit dem sofortigen Abstieg zur 3,5 km entfernten Kibo-Hut zu beginnen. Der Abstieg am Tag ist das blanke Gegenteil zum Aufstieg in der Nacht. Aus dem gefrorenen Gestein ist loses Geröll geworden, die Temperatur nun im zweistelligen + Bereich in der Sonne. Alle Gipfelstürmer taumelten nun mehr oder weniger in ihren Thermoklamotten den Steilhang zur Kibo-Hut runter, die man 1.000 m tiefer schon gut sehen konnte. Staub, Mittagshitze und Erschöpfung waren die ständigen Begleiter. Zum Abstieg muss man noch erwähnen, dass mit jedem Schritt nach unten bei dem sehr steilen Gefälle das volle Körpergewicht über die Zehen an die Schuhe drückt. In der Folge können sich dadurch von einzelnen Zehen nach einiger Zeit die Nägel lösen (so auch bei mir geschehen). Nach ca. 2,5 Std. kamen wir ausgelaugt und total zugestaubt wieder in der Kibo-Hut an, wo wir gleich in unsere liegengebliebenen Schlafsäcke gekrochen sind. Nach 3 Std. Ruhe, Gepäckverstau und einem kleinen Imbiss haben wir nun schon wesentlich entspannter mit dem 11 km langen Rückmarsch zur Horombo-Hut auf 3.725 m begonnen.

Frei 29.Januar: Am frühen Morgen traf sich das ganze Team, um zu gratulieren und uns ihr berühmtes "Kilimanjaro-Lied" mit Tanzeinlage vorzutragen (Bild 16). Nach der kleinen Abschiedsfeier vom Kilimanjaro setzten wir anschließend gleich unseren Abstieg in Richtung Marangu-Gate (1.840 m) über die Mandara-Hut (2.675 m) fort. 21 km und 1885 Höhenmeter schafften wir nun locker in 6 Stunden (Bild 12).

Um 15.30 Uhr waren wir am Ausgangspunkt dem Marangu- Gate, angekommen. Wieder im Hotel, war natürlich der erste Duschgang nach 6 Tagen "einfachster Körperpflege" ein Hochgenuss für Leib und Seele.

Viele fliegen nach solch einer Tour zur Erholung rüber an den Strand von Sansibar. Wir haben mit einer wunderschönen Kurzsafari in der Serengeti (Tarangire Nationalpark, Ngorongoro Krater, Lake Manyara Nationalpark) unseren Tansania-Trip abgerundet.

Rückblick: Was ist das für ein anziehender provozierender Berg, mit seinen 60 m hohen Eispanzer in der Nähe des Äquators?
Er lässt jeden fast im Spaziergang ganz nah an sich heran, um im letzten Moment sein wahres Gesicht zu zeigen.
Nicht umsonst ist er auch der meist unterschätzte Berg dieser Erde.
Diese Tour war für mich und meine Frau, mit das beeindruckenste und emotionalste Erlebnis welches wir bisher hatten.
Wir erlebten eine sehr schöne Zeit bei der Besteigung. Das Wetter war auf unserer Seite, wir haben Freundschaften geschlossen und hatten ein super Team, aber wir sind auch an unsere Grenzen gestoßen.
Wer jemals im Leben auf dem Gebiet eine Herausforderung sucht, wird sie am Kilimanjaro finden.