Matterhorn 4478 m    
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Monte Rosa - Signalkuppe 4554 m und Matterhorn 4478 m

von Werner Müller 1991



Harry und ich machen vor der Fahrt ins Wallis 2 Wochen Wanderurlaub mit unseren Frauen in den Dolomiten, eine Woche in der Dreischusterhütte und eine im oberen Schnalstal. Dieser Urlaub sollte für Harry und mich auch zur Vorbereitung auf die eine Woche später geplante Fahrt ins Wallis dienen. Unter diesem Gesichtspunkt sind erwähnenswert der Aufstieg auf den Piz Boe, die anstrengende Schottertour von der Dreischusterhütte auf den Haunold (3 Schritte vor und einer zurück) und an unserem letzten Tag erreichten wir bei unglaublich guter Sicht den Dürrenstein. Ganz nahe erschienen uns der Großglockner, der Großvenediger und die Drei Zinnen.
Nach einer Woche auf Arbeit sind Harry und ich dann unterwegs ins Wallis. Auf der Monte-Rosa-Hütte wollen wir uns mit Friedmar, Bärbel und Rolf treffen.

Die Fahrt führte vorbei am Bodensee entlang des Rheintales bis hinter Chur, dann über den Oberalp- und den Furkapass ins Rhonetal bis nach Täsch im Mattertal. Weiterfahrt nach Zermatt ist nur möglich mit der Elektrischen. Als wir in Zermatt aus dem Bahnhof kommen, sind nur Fahrzeuge mit Elektro- oder Haferantrieb zu sehen.
Kein Verbrennungsmotor ist zu hören. Zermatt ist autofrei! Himmlische Ruhe. Schuhgeklapper und Stimmengewirr von Menschen vieler Herren Länder. Wir sind fasziniert.
Die letzte Gornergratbahn, mit der wir bis zur Station Rotenboden fahren wollten, war vor einer halben Stunde abgefahren. Deshalb konnten wir uns nicht mehr mit den anderen auf der Monte-Rosa-Hütte treffen. In der Jugendherberge hatten wir Glück, dass noch Platz war.

Am nächsten Tag wurde der Zermatter Hochgebirgslauf ausgetragen, weshalb die Jugendherberge ausgebucht war. Im Alpenglühen sehen wir von Zermatt aus das Matterhorn, dessen Schönheit uns beeindruckt. Die Gornergratbahn bringt uns zur Station Rotenboden (2815 m).

Als wir aus dem Zug steigen, überkommt mich ein Gefühl von Glück, wie ich es in den Bergen noch nie erlebt hatte. Auch nicht nach erfolgreichem Abschluss schwieriger Touren in der Hohen Tatra oder im Kaukasus. Noch heute schäme ich mich nicht der Tränen, die mir angesichts dieser Bergwelt in den Augen standen aus Freude, aber auch aus Wut darüber, dass uns die Alpen so viele Jahre verschlossen waren.

Bei herrlichem Wetter genießen wir eine Bergwelt, wie sie schöner kaum sein kann. Uns direkt gegenüber das Breithorn (4165 m) mit seiner breiten Nordwand, in der steile Gletscher hängen. Daneben das Kleine Matterhorn, weiter westlich die Dent DUerens, dann das Matterhorn mit seiner mächtigen Ostwand, die Dent Blanche, das Obergabel-, Zinalrot- und Weißhorn. In Norden ist das Finsteraarhorn mit seinem ausgeprägten Westgrat zu sehen. Und natürlich das Monte-Rosa-Massiv, der Liskamm und die Zwillinge Pollux und Castor.
Wir erreichen den Gornergletscher und queren bis zum Einmündungsgebiet des Grenzgletschers. An seiner östlichen Uferseite steigen wir unter die Monte-Rosa-Hütte und erreichen diese(2795 m) über die Moräne und einen kurzen Felspfad.
Dieser Tag war als Akklimatisierungstag vorgesehen. Deshalb war uns klar, dass unsere drei Mitstreiter unterwegs sind auf dem Grenzgletscher. Harry und ich steigen nachmittags auf dem Grenzgletscher bis in eine Höhe von 3400 m.

Am späten Nachmittag kommen Bärbel, Rolf und Friedmar von ihrer Akklimatisierungstour zurück. Sie hatten den Eisbruch erkundet und waren bis auf eine Höhe von 3800 m gestiegen. Harry, Rolf und ich beschließen, am nächsten Tag auf die Signalkuppe zu steigen. Morgens um 3 wird es sehr unruhig in der Hütte. 10 Amerikaner wollen über den Westgrat auf die Duforspitze. Und in unseren Schlafsäcken ist es so schön warm! Nachdem wieder etwas Ruhe eingekehrt ist, stehen wir doch auf und bereiten uns auf einen langen Tag vor.

Noch ist es dunkel, als wir die Hütte verlassen. Zunächst gehen wir im Fels und auf der Moräne, queren dann auf den Grenzgletscher.
Als der Eisbruch erreicht wird, seilen wir uns an. Die Sonne scheint schon in die Gipfelbereiche des Liskammes. Bei unsicheren Eisbrücken muss ich als Leichtester zuerst darüber, einmal auf allen Vieren. Nur gut, dass Rolf schon am Vortag den Eisbruch mit erkundet hatte. Bald ist der Sattel zwischen Parrot-Spitze und Signalkuppe erreicht, wir sind über 4000 m. Querung nach Norden ansteigend, vorbei an riesigen Eisabbrüchen der Signalkuppe. Auf dem Pfad, der von der Ludwigshöhe zum Sattel führt, und der immer ausgeprägter wird, steigen wir hinauf zur Signalkuppe, auf der das höchste Unterkunftshaus Europas steht, die Capanna Regina Margherita (4554 m).

Grandiose Sicht auf ie Gipfel des Monte-Rosa-Massivs, den Liskamm und die Kette der 4000er westlich des Mattertales von Dent d´ Herens bis zum Weißhorn. Quellwolken bilden sich, aber sie bleiben unter 4000 m. Südlich von uns sieht es aus, als ob Felsriffe aus einer riesigen Wasserfläche herausragen würden.

Natürlich sind wir müde, aber für uns drei steht fest, dass wir als nächstes das Matterhorn versuchen werden, wenn das Wetter hält. Im Radio ist angekündigt worden, dass die schon 20 Wochen anhaltende Schönwetterperiode, in der es im Wallis keinen Niederschlag gab, am Mittwoch zu Ende gehen wird.

Heute ist Montag. Wenn wir Glück haben, ist am Mittwoch das Matterhorn noch möglich. Nach uns kommen noch einige Seilschaften, alle wollen die vielleicht letzten schönen Tage dieses Sommers nutzen, um 4000er zu sammeln. Insgesamt 12 Gipfel über 4000 m sind von der Signalkuppe relativ einfach zu erreichen. Auf gleichem Weg steigen wir zurück zur Monte-Rosa-Hütte.
Am nächsten Morgen gehen wir zurück zur Station Rotenboden und fahren hinab nach Zermatt, von dort mit der Seilbahn ein Stück in Richtung Hörnlihütte. Bis zur Hörnlihütte sind noch 680 Höhenmeter zurückzulegen. Als wir die Hütte erreichen, halten wir Männer uns nicht lange auf, wir wollen den Aufstieg für die erste Stunde des nächsten Tages am Hörnligrat erkunden.
Noch im Dunkeln verlassen wir am nächsten Morgen die Hütte. Es war wieder einmal später als geplant. Kurz vor uns steigen zwei bayrische Bergfreunde ein, deren Bekanntschaft wir schon an der Monte-Rosa-Hütte gemacht hatten und drei Tschechen, deren Zelt unweit des Einstiegs steht. Den überwiegende Teil des Aufstieges bis zur Solvayhütte gehen wir frei und halten uns dabei möglichst nahe am Grat, um die Steinschlaggefahr aus der Ostwand gering zu halten. Angeseilt gehen Friedmar und Harry sowie Rolf und ich das letzte Stück bis zur Solvayhütte. Hier bricht Friedmar den weiteren Aufstieg ab, er hat mit 4003 m seine bisher grösste Höhe erreicht.

Nun beginnt die eigentliche Kletterei. Rolf und ich wechseln uns in der Führung ab, Harry geht als Zweiter. Über die obere Moseleyplatte klettern wir in festem Fels zum Grat hinauf und folgen diesem etwas unterhalb der Firstlinie bis zur Schulter, zwischendurch wird ein auffallend rot gefärbter Turm links umgangen. Immer wieder fallen Eisenpfähle auf, die im Abstieg zum Abseilen benutzt werden. Über einen Firngrat erreichen wir den Gipfelaufbau, der mit einer kurzen senkrechten und schwierigen Wand beginnt. Es folgt eine ca. 40 m hohe Steilstufe, in der eine plattige Stelle mit einem Fixseil gesichert ist.

Wir folgen den Felsen, die in der Folge zum Schweizer Gipfel führen, den wir müde, durstig und glücklich erreichen, unmittelbar nach den beiden Bayern. Am glücklichsten ist vermutlich Harry, der vor dem Matterhorn eigentlich noch auf einen anderen Gipfel wollte, vielleicht aus Ehrfurcht? Der für heute angekündigte Wetterumschwung kommt, aber so langsam, dass wir ihn kaum wahrnehmen. Kein grosser Wind, kein Temperatursturz, nur schon früher als an den vorherigen Tagen Wolken in der Ostwand. Und leider wenig Sicht vom Gipfel. Die Gipfelrast fällt nicht sehr lang aus. Auf gleichem Wege steigen wir zurück, häufig abseilend an zwei 50 m-Seilen.

Während des Abstieges ziehen sich die Wolken immer dichter zusammen. Bald ist der Liskamm, das Monte-Rosa-Massiv und die Mischabellkette verdeckt, aber der Gornergrat und das Stockhorn frei. Als wir den Ausstieg erreichen, erwartet Friedmar uns schon mit einem großen Krug Tee, verfeinert mit Zitrone und Zucker. Ein ganz kameradschaftlicher Zug, den wir nie vergessen haben.


Abends regnet es an der Hörnlihütte, morgens sehen wir die Ostwand etwa ab halber Höhe voller Schnee. Die Wolkendecke senkt sich fast bis zur Hütte. Und merklich kühler ist es geworden. Wir hatten erreicht, was vorgesehen war. Keine Wetterbesserung ist in Sicht. So entschieden wir, vorzeitig das Wallis in Richtung Heimat zu verlassen.
Als wir zwei Tage vorzeitig zu Hause ankommen, ist die erste Frage meiner weitaus besseren Hälfte: "Ist was passiert?" "Passiert" waren nur unvergessene Tage an einem der schönsten und eindrucksvollsten Orte dieser Erde.